Impuls

Der etwas andere Gottesdienst

Als ich kürzlich, wie jeden Sonntag, meinen Platz im Gottesdienst einnahm, lief eigentlich alles wie gewohnt: Begrüßung, Bibelwort, Gebet, Lied usw. Ich schaute nach vorn und sah nichts besonderes, alles war an seinem Platz.
Doch dann, nach und nach, sah ich die bekannten Gegenstände vorn ganz anders und stell dir vor, sie fingen an, unhörbar zu reden.
Der siebenarmige Leuchter, ganz rechts, fing an: Eines meiner Originale war aus massivem Gold und stand im Tempel in Jerusalem. Ich bin nur aus Baustahl mit einem hauchdünnen Oberzug aus Gold, aber immerhin Gold. Besser wäre natürlich durch und durch gewesen nach 2. Thess.5.23. Wie sich die Zeiten gewandelt haben. An meinen 6 Armen kann man gut erklären, dass die Ersten die Letzten sein werden und umgekehrt. Ist doch logisch, oder?
Das Kreuz hinter dem Pult sagte: Ich passe überhaupt nicht hierher, ich bin ein scheußliches Martergerät, um Verbrecher zu Tode zu bringen. Damit ich harmloser aussehe, so für die gute Stube, haben sie mich schon glatt gehobelt und gestrichen. Aber ich stehe hier zur Erinnerung an einen gewissen Jesus, der, obwohl man ihm keine Schuld nachweisen konnte, am Kreuz vor
ca. 2000 Jahren qualvoll starb. Er soll aber leben und jetzt bei seinem Vater im Himmel sein. Er wird bald wiederkommen, um die, die an ihn glauben, zu sich zu holen.
Genau, sagte das Pult, das scheint in dieser Gemeinde die wichtigste Aussage zu sein, deswegen stehe ich auch in der Mitte, damit das jeder gut hört. Wie viele Male das von hier die verschiedensten Redner genau gleichlautend gesagt haben, weiß ich nicht. Die scheinen sich alle wie aus einem Geist abgesprochen zu haben. Damit das klar ist, hat man unübersehbar links an die Wand geschrieben: "Jesus lebt".
Wenn das wahr ist, verstehe ich nicht, warum einige das so gleichgültig hinnehmen. Manche sollen auch schon trotz Mikrofon eingeschlafen sein. Eigentlich schade um die Zeit.
Halt, sagten die Brote und Fische rechts an der Wand, wenn von uns erzählt wird, als wir 7 ungefähr 10000 Menschen, wenn man Frauen und Kinder mitzählt, satt machten, dann hören alle zu, denn so etwas passiert ja nicht alle Tage. Wir jedenfalls können das nur als Wunder erklären. Und wie ruhig der vorher gedankt und das Brot gebrochen hat, das muss Gottes Sohn gewesen sein. Und 12 Körbe voll Reste haben sie eingesammelt, unglaublich.
Mir ging es am Anfang ähnlich wie dem Kreuz, sagte das Schlagzeug. Viele wollten mich hier nicht haben, weil ich in Discos sooft missbraucht werde und junge Leute Gehörschaden bekommen. Als man aufhörte, sich darüber zu streiten, fanden sich auch nette junge Leute, die mich hörerfreundlich bedienten. An mir hat's nicht gelegen. Für den zeitgemäßen Lobpreis bin ich eigentlich gut geeignet. Aber mal ehrlich, so ganz allein ohne die anderen Instrumente klinge ich doch ziemlich klapprig. Und schön wäre es, wenn alle mitsingen würden, sagte ganz zaghaft die Leinwand, die sich rechts oben unter der Decke verkrochen hatte, schließlich zeige ich die Texte doch gut lesbar an. Die sind zwar manchmal recht schlicht, aber was soll’s, Gott wird gelobt und darauf kommt es doch an, oder?
Da meldete sich die Orgel ganz links zu Wort: Ich war von Anfang an hier gewollt. Schließlich bin ich die Königin der Instrumente. Na ja, nicht so ganz, weil ich elektronisch modernisiert und viel kleiner als die Orgel im Kölner Dom bin. Über viele Jahrhunderte habe ich Menschen bei der Anbetung gefühlvoll begleitet.
Da gibt es viele aussagestarke, schön klingende Glaubenslieder und die Werke von Händel oder Bach wären ohne Orgel undenkbar.
Ich habe viel mehr Töne als das Schlagzeug neben mir, aber gestritten haben wir uns noch nie.
Schade, sagte das Taufbecken hinter der Wand, ich werde nur ein bis zwei Mal pro Jahr benutzt, es wird langsam Zeit, dass das anders wird. Bei mir ist es so ähnlich wie beim Kreuz. Wer bei mir untertaucht, stirbt und kommt heraus als neuer Mensch, das verstehe, wer will.
Aber aber, sagte der Abendmahlstisch, wenn bei mir an das gedacht wird, was das Kreuz gesagt hat, dann nimmt man sinnbildlich Fleisch und Blut zu sich. Ist das denn leichter zu verstehen?
Pass mal auf, sagte die Bibel auf dem Abendmahlstisch, ich berichte mehrfach über die vollständige Geschichte von Jesus. Ober sein Wirken und Handeln bis zum Kreuz und über seine Auferstehung. Glaubhaft ist das schon, wenn man das mal im Zusammenhang, auch im alten Testament, liest. Jesus ist bei jedem Gottesdienst anwesend, sozusagen in den Herzen derer, die ihm vertrauen. Und die haben eigentlich keine Schwierigkeiten, das Unglaubliche zu glauben, weil ihnen von Zeit zu Zeit die Augen geöffnet werden, dass sie sehen, hören und verstehen, was ihnen z. B. die Gegenstande vorn im Saal an der Turnerstrasse sagen, so einfach ist das.
Inzwischen war der Gottesdienst schon fortgeschritten, also bis die Tage, ihr garnicht so sprachlosen Gegenstände, schließlich wollte ich den Schlusssegen nicht verpassen.
O. H.

"Brennpunkt online" Jan. - Feb. 2004