Glaube und Formen

2. Samuel 6, 13 - 16
13 Und es geschah, wenn die Träger der Lade des HERRN sechs Schritte gegangen waren, opferte er einen Stier und ein Mastkalb.
14 Und David tanzte mit aller Kraft vor dem HERRN, und David war mit einem leinenen Ephod gegürtet.
15 So brachten David und das ganze Haus Israel die Lade des HERRN hinauf mit Jauchzen und mit Hörnerschall.
16 Und es geschah, als die Lade des HERRN in die Stadt Davids kam, schaute Michal, die Tochter Sauls, aus dem Fenster. Als sie nun den König David vor dem HERRN hüpfen und tanzen sah, da verachtete sie ihn in ihrem Herzen.

2. Samuel 6, 20 - 23
20 Und als David zurückkehrte, um seinem Haus den Segensgruß zu bringen, ging Michal, die Tochter Sauls, hinaus, David entgegen, und sagte: Wie ehrenwert hat sich heute der König von Israel gezeigt, als er sich heute vor den Augen der Mägde seiner Knechte entblößt hat, wie sich sonst nur einer der ehrlosen Leute entblößt!
21 Da sagte David zu Michal: Vor dem HERRN, der mich vor deinem Vater und vor seinem ganzen Haus erwählt hat, um mich zum Fürsten über das Volk des HERRN, über Israel, zu bestellen, ja, vor dem HERRN will ich tanzen.
22 Und ich will noch geringer werden als diesmal und will niedrig werden in meinen Augen; aber bei den Mägden, von denen du sprichst, bei ihnen werde ich in Ehren stehen.
23 Michal aber, die Tochter Sauls, bekam kein Kind bis zum Tag ihres Todes.



Es war gute Zeit in Israel. David war König und Gott war mit ihm. Seine Feinde waren besiegt. Und David brachte die Bundeslade in die Hauptstadt, nach Jerusalem, damit auch Gott dort wohnen sollte, von wo aus das Volk Israel regiert wurde.

Der Transport der Bundeslade war ein Festakt. Alle 6 Schritte der Träger opferte David einen Stier und ein Mastkalb. Dementsprechend war er mit einem Ephod, einem Teil eines Priestergewandes, bekleidet. Offensichtlich war diese Art der Bekleidung oder die Weise, wie David sie trug, recht unvollständig. Vielleicht war sein Oberkörper entblößt.

Michal, die Tochter Sauls, eine der Frauen Davids, sah David in dieser Bekleidung vor der Bundeslade hertanzen. Ihre Feststellung, dass er sich nach Sitte und Gebrauch für einen König ungebührlich verhielt, traf zweifellos zu. David hatte das Protokoll mit seiner Handlung in gröbster Weise missachtet. Er hatte sich damit vor dem Volk, aus dem Blickwinkel der Sittsamkeit, unmöglich gemacht.
Michal hatte sich auch völlig zurecht, aus dem Blickwinkel der Sittsamkeit, bei David über sein Verhalten beschwert.

Trotzdem bestraft Gott Michal mit Unfruchtbarkeit. Nicht etwa, um David indirekt zu maßregeln. Gott machte Michal vor den Augen der Menschen so verächtlich, wie sie David verachtet hatte, denn zu der damaligen Zeit wurde der Wert einer Frau sehr stark danach beurteilt, ob sie in der Lage war, Kinder zu bekommen oder nicht.
Was war das Problem? Michal wollte doch nur Anstand und Ordnung verteidigen. Warum hatte sie sich deswegen, wegen dieses eigentlich völlig verständlichen Kritisierens Davids, an Gott versündigt?

Die Antwort liegt auch darin, was David zu Michal gesagt hat (Vers 21 und 22).
Es geht darum, was David mit seinem Tun bezweckt hat, was er für Gott getan hat, indem er gegen von Menschen gemachte Regeln verstieß. Er hat Gott geehrt und sich erniedrigt. Er hatte seinem Gott, der ihn zu dem gemacht hatte, was er war, die Ehre gegeben und sich nicht selbst Ehre genommen. Dafür ist David so weit gegangen, sich sogar unter die Knechte und Mägde zu erniedrigen.

Michal hat nur die äußere Form gesehen und nicht das, was dahinter steckte, was im Herzen Davids vorging. Michal war nur besorgt darum eine äußere Form zu halten. Auf das zu achten, was Gottes Wille war, kam ihr nicht in den Sinn.
Michal hat die Form zur Religion gemacht und über den lebendigen Glauben, über die Beziehung zwischen David und Gott erhoben. Dafür ist sie von Gott bestraft worden.

Eigentlich ist dieses Verhalten sehr menschlich. Wir sind immer versucht Methoden, die wir als funktionierend erkannt haben, hoch zu bewerten. Wir brauchen unsere Regeln und Rituale, denn sie geben uns Sicherheit. All das spiegelt sich in unseren Traditionen und persönlichen Vorlieben wieder.

Dementsprechend machen wir auch heute noch oft den Fehler, Formen, Methoden und Vorlieben zu vergeistigen. Wir setzen sie mit dem Wort Gottes gleich und beurteilen danach, was geistig ist und was nicht.
Doch diese Formen und unsere Vorlieben sind nur Maßstäbe, die wir uns selbst gesetzt haben. Wir müssen akzeptieren, dass Gott andere Maßstäbe setzt und das hat seinen guten Grund.

Wenn Traditionen, Rituale und persönliche Vorlieben nachhaltig vergeistigt werden, entsteht Religion, die den lebendigen Glauben erstarren lässt. Das Ergebnis einer solchen Erstarrung lässt sich häufig beobachten.
Anstatt nach dem Willen Gottes zu fragen, werden Nebensächlichkeiten, wie Kleidung, Haartracht, Musikstile, Ausdrucksweisen und Lebensumstände als Maßstäbe herangezogen um zu beurteilen was richtig und was falsch ist.

"Mit einer falschen Kleidung, der falschen Haartracht kann man unmöglich Gott dienen. Der falsche Musikstil ist völlig ungeeignet Gott zu verherrlichen. Wer einen XYZ zuhause hat, kann kein echter Christ sein."

Alle diese Ansichten zeigen ein verschobenes Bild, eine verschobene Vorstellung vom Glauben. Sie beruhen auf Wertvorstellungen, deren Ursprung lediglich unsere Kultur und unsere Vorlieben sind.
Wir vergessen zu schnell, dass vor Gott ganz andere Dinge wichtig sind.

Die Gefahr, die ein derartig verschobenes Gottesbild birgt, ist die Erstarrung des lebendigen Glaubens in Formen und Riten. Mit dieser Erstarrung geht die Verbindung zu Gott mehr und mehr verloren und Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit halten statt dessen Einzug. Die notwendige Leitung durch den Heiligen Geist greift nicht mehr. Gleichzeitig geht damit auch die Fähigkeit verloren, Gott in der Weise zu dienen, die er vorgesehen hat. Wir dienen Gott nur noch entsprechend der Vorstellungen, die wir uns von ihm gemacht und zurechtgelegt haben. Letztlich versuchen wir, den allmächtigen Herren Himmels und der Erde in das Korsett unserer menschlichen Vorstellungen zu pressen. Das kann natürlich niemals gelingen. In Wirklichkeit entfernen wir uns immer weiter von Gott, womit es uns mehr und mehr unmöglich wird, seinen Willen zu tun.

Sein wir also vorsichtig, Dinge nur deshalb abzulehnen, weil sie neu oder anders sind, oder weil sie nicht unseren eigenen Vorstellungen entsprechen. Die Menschen sind von Gott vielfältig und individuell erschaffen worden. Ebenso vielfältig und individuell ist ihre Art Gott zu dienen und ihn zu lobpreisen.

Nur weil etwas anders und ungewohnt ist, ist es, allein aus diesem Grund, noch lange nicht falsch.


Olaf Kindsgrab
 

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